Deutscher Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen
Interview mit Prof. Müller

3 Fragen – 3 Antworten mit Prof. Dr. Jörg Müller

Highlight: Plenarsitzung PL-03 (e) zum Thema "Aktuelle Aspekte der Behandlung der zervikalen Dystonie"

Hat sich das Col-Cap-Konzept 10 Jahre nach der Vorstellung durch Herrn Prof. Reichel etabliert?

Das Col-Cap Konzept stellt einen Meilenstein in der Behandlung der zervikalen Dystonie mit Botulinum Toxin dar. Das Col-Cap Konzept ermöglicht die erfolgreiche Behandlung vieler Patienten, die zuvor als therapierefraktär galten. Das Col-Cap-Konzept von Prof. Reichl ist etablierter Standard zahlreicher Zertifizierungskurse des Arbeitskreises Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und entsprechend bei den Anwendern im deutschsprachigen Raum verbreitet.

Wie kann die Alltagssituation von Patient*innen mit Dystonie außer mit medikamentöser Therapie verbessert werden?

Patienten mit craniozervikaler Dystonie leiden häufig unter erheblicher sozialer Stigmatisierung. Über die sichtbare Bewegungsstörung hinaus besteht durch die Erkrankung eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität, was den hohen Stellenwert einer adäquaten Therapie unterstreicht. Botulinum Toxin (BTX) ist die bei weitem effektivste Therapie bei fokalen und segmentalen Dystonien, andere Medikamente sind meistens wirkungslos oder mit erheblichen Nebenwirkungen behaftet. Bei den generalisierten Dystonien kann eine THS mittels GPI-Stimulation zu beeindruckender Verbesserung der klinischen Symptomatik und Lebensqualität führen. Um den Aspekt der sozialen Stigmatisierung zu überwinden, ist eine bessere Aufklärung über das Krankheitsbild in der Öffentlichkeit notwendig. Insbesondere bei den craniozervikalen Dystonien können begleitend zur BTX-Therapie durchgeführte physiotherapeutische Methoden unter Einbeziehung von Biofeedback eine wertvolle Ergänzung zur Verbesserung der Alltagssituation der Betroffenen darstellen.  

Welche zukünftigen Entwicklungen sehen Sie im Bereich der Botulinumtoxin-Anwendung?

Die ultraschallgestützte Botulinumtoxin (BTX)-Injektion zur Verbesserung der Ziellokalisation und des klinischen Outcomes wird weiter an Bedeutung gewinnen. Im Bereich der Neurologie ist mit keiner wesentlichen Erweiterung des bestehenden Indikationsspektrums zu rechnen. Innovative neue Indikationsfelder für BTX sind jedoch in anderen klinischen Bereichen wie der Psychiatrie, Urologie oder Onkologie zu erwarten (siehe Symposium S-05 auf diesem Kongress). Es ist mit der Zulassung neuer BTX-Präparate zu rechnen, darunter modifizierte BTX-A Präparate mit deutlich längerer Wirkdauer oder weitere BTX-Serotypen mit schnellerem Wirkeintritt und kurzer Wirkdauer.